„Wir wollen unsere Geschichte besser verstehen“

Der Bundesvorstand hat heute beschlossen, eine grüne Arbeitsgruppe einzusetzen, die sich mit den Vorwürfen der Unterstützung pädophiler Aktivisten und Bestrebungen beschäftigen wird. Simone Peter erläutert im Interview die Aufgaben der Arbeitsgruppe.

gruene.de: Bereits im Mai 2013 hat der damalige Bundesvorstand das Göttinger Institut für Demokratieforschung mit der unabhängigen Aufarbeitung dieses Teils der grünen Vergangenheit beauftragt. Warum hat der Bundesvorstand heute eine eigene Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung und Aufklärung eingerichtet? 

Simone Peter: Mit der Arbeitsgruppe wollen wir die Aufarbeitung aus der Partei heraus transparent und glaubwürdig vorantreiben. In den vergangenen Monaten hat sich gezeigt, dass wir neben der unabhängigen Aufarbeitung durch Wissenschaftler auch unsere eigene, parteiinterne Aufarbeitung brauchen, mit der wir die Arbeit von Prof. Walter und der Göttinger Wissenschaftler begleiten. Es sind zu viele Jahre verstrichen, ohne eine umfassende Aufklärung und Aufarbeitung herbeizuführen. Gerade jetzt, wo die Partei einen Generationswechsel erlebt, müssen wir uns unserer Geschichte annehmen und sie in allen Einzelheiten verstehen.

Was sind die Aufgaben der Arbeitsgruppe?

Gerade unsere jüngeren Mitglieder wollen wissen, warum damals nicht erkannt wurde, dass die Vorstellung einvernehmlicher Sexualkontakte zwischen Erwachsenen und Kindern falsch und absolut inakzeptabel ist. Ein Teil der Arbeit der Arbeitsgruppe wird deshalb darin bestehen, Zeitzeugengespräche zu führen, um umfassend Kenntnisse über die gesellschafts- und parteipolitischen Zusammenhänge jener Zeit zu gewinnen. Ziel ist herauszufinden, wie Zeitzeugen die damalige Debatte wahrgenommen haben und warum es so lange dauerte, bis Forderungen nach Straffreiheit für pädophile Beziehungen keinen Platz mehr hatten in der Partei. Daneben soll die Arbeitsgruppe einen angemessenen Umgang mit denjenigen finden, die unter den Debatten und Positionen der Partei zum Thema Straffreiheit für pädophile Beziehungen gelitten haben. Wir wollen Opfer ermutigen, Kontakt aufzunehmen und von ihren Erlebnissen zu berichten. Und wir rufen alle Kreis- und Landesverbände auf, die parteiinterne Aufarbeitung zu unterstützen. Wir wollen in unsere eigene Geschichte schauen, um sie besser zu verstehen.

An wen können sich Zeitzeugen und Opfer wenden?

Die Arbeitsgruppe dient als Kontaktstelle für alle, die uns Hinweise oder eigene Erfahrungsberichte zukommen lassen wollen. Wir wollen außerdem Betroffenen, die das wünschen, professionelle Beratungsangebote vermitteln, die wir selbst als Partei nicht anbieten können. Dafür haben wir mit dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, eine mögliche Zusammenarbeit vorbesprochen.

Wer wird in dieser Arbeitsgruppe mitarbeiten? 

In dieser Gruppe arbeiten ausgewiesene grüne Expertinnen und Experten zu diesem Thema. Zum Beispiel die frühere Gesundheitsministerin Andrea Fischer, die ein Gutachten zum katholischen Canisius-Kolleg in Berlin erstellt hat. Oder der hessische Landtagsabgeordnete Marcus Bocklet, der sich intensiv mit den Missbrauchsfällen an der Odenwald-Schule beschäftigt hat. Wir lassen uns außerdem gezielt von externen Expertinnen und Experten beraten. Mitte 2015 soll die Arbeitsgruppe einen Bericht vorlegen.

Hier findet ihr den Beschluss des Bundesvorstands zur Einsetzung der Arbeitsgruppe

Der Zwischenbericht von Prof. Franz Walter und seinem Forschungsteam zur Pädophiliedebatte bei uns Grünen ist hier zu finden: www.demokratie-goettingen.de/content/uploads/2013/12/Paedophiliedebatte-Gruene-Zwischenbericht.pdf

Quelle: www.gruene.de

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