Wieviel neue Stromtrassen braucht die Energiewende, Frau Peter?

Wir müssen jetzt anfangen, die Netzinfrastruktur fit zu machen für eine 100%ige Stromversorgung aus Erneuerbaren Energien. Dazu braucht es auch neue Stromtrassen.

Beitrag von Simone Peter für neue energie 11/2014

Die Energiewende ist eine Erfolgsgeschichte. Dank des rot-grünen Erneuerbare-Energien-Gesetzes sind Sonne, Wind, Biomasse und Wasserkraft innerhalb eines guten Jahrzehnts zur tragenden Säule der Stromversorgung und zu einem Wirtschaftsfaktor mit rund 400.000 Arbeitsplätzen geworden. Um diese Erfolgsgeschichte in Richtung 100% Erneuerbare Energien fortzuschreiben brauchen wir auch einen Ausbau der Stromnetze.

Ein Versorgungssystem aus dezentral genutzten erneuerbarer Energien benötigt eine andere Netzstruktur als ein System mit konventionellen Großkraftwerken auf der Basis von Kohle und Atom. Ohne Netzausbau gerät die Energiewende ins Stocken.

In den letzten Jahren hat der Netzausbau mit dem Wandel der Energielandschaft nicht Schritt gehalten. Schon seit den 80er Jahren wurde zu wenig in die Netze investiert. Dies führt bereits heute in manchen Regionen Deutschlands zu Engpässen. Viele bestehende Übertragungs- und Verteilnetze sind veraltet und müssen modernisiert werden, um die Versorgungssicherheit zu erhalten.

Vor allem an der Nordseeküste und in Brandenburg werden heute schon Windenergieanlagen abgeregelt, da im Netz nicht genug Kapazitäten vorhanden sind, um den Windstrom zu den Verbrauchszentren zu transportieren. Auch in Südwestdeutschland gibt es kritische Situationen, da nicht ausreichend Strom aus anderen Regionen dorthin transportiert werden kann. Das Problem wird sich verschärfen, wenn der Ausbau erneuerbarer Energien weiter voranschreitet und die letzten Atomkraftwerke bis spätestens 2022 abgeschaltet werden.

Deshalb haben wir Grüne einen an den Bedürfnissen der Erneuerbaren Energien ausgerichteten Netzausbau stets unterstützt und eine transparente Netzplanung unter breiter Öffentlichkeitsbeteiligung eingefordert. Das neue mit dem Bundesbedarfsplangesetz etablierte Planungsverfahren, in dem Netzbetreiber, Politik, Verwaltung und die Öffentlichkeit den Ausbaubedarf diskutieren und kritisch überprüfen können, ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

 

Seehofer gefährdet die Energiewende

Doch der Netzausbau kommt nur schleppend voran. Von den 2009 im Energieleitungsaus-baugesetz (EnLAG) vorgesehenen Leitungen sind erst weniger als ein Viertel realisiert, 416 von 1.877 Kilometern. Und die gerade erst 2013 mit Zustimmung Bayerns im Bundesbedarfs-plangesetz festgelegten Stromnetztrassen werden heute vom bayrischen Ministerpräsidenten  Seehofer schon wieder zur Disposition gestellt. Das ist ein weiterer Anschlag auf die Energiewende, der in letzter Konsequenz sogar den Atomausstieg in Frage stellt.

Netzausbau stößt in vielen Regionen aus nachvollziehbaren Gründen auf Kritik. Doch statt sich dieser vor Ort zu stellen und für einen natur- und umweltverträglichen Netzausbau sowie eine umfassende Bürgerbeteiligung zu werben, verspricht Horst Seehofer den Menschen  das Blaue vom Himmel. Er will keinen Stromnetzausbau, aber auch keine Windenergie in Bayern. Den Ausbau von Solarenergie und Biogas hat er als Teil der großen Koalition mit der EEG-Novelle selbst ausgebremst. Wenn wir nicht wieder bei Atom und Kohle enden wollen, bleibt da nicht mehr viel.

Jetzt sollen nach Seehofers jüngsten Vorstellungen neue konventionelle Kraftwerke zur Hauptsäule der Energieversorgung Bayerns werden, subventioniert durch die SteuerzahlerInnen in ganz Deutschland. Das ist kein tragfähiges Konzept. Der dezentrale Ausbau der Energien braucht Optimierung und den Ausbau des Stromnetzes. Über das ‚Wie‘ kann und muss man diskutieren. Wer wie Horst Seehofer wieder das ‚Ob‘ auf die Tagesordnung setzt, endet direkt wieder bei Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke. Jedenfalls geht Seehofers Zickzackkurs auf Kosten der Versorgungssicherheit und der Bezahlbarkeit der Energiewende.

 

Bürgerbeteiligung und dezentrale Lösungen stärken

Der Stromnetzausbau muss der Energiewende dienen. Außerdem braucht es eine umfassende und frühzeitige Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger vor Ort, um die Voraussetzungen für akzeptierte und möglichst verträgliche Lösungen zu schaffen. Dort, wo das zur Steigerung der Akzeptanz sinnvoll ist, muss der Einsatz von Erdkabeln ermöglicht werden. Denn Erdkabel können erheblich zur Lösung von ökologischen und sozialen Konflikten beitragen. Mehrkosten aufgrund der Ergebnisse der Bürgerbeteiligung sollen auf die Netzentgelte umgelegt werden. Die Bundesregierung, aber auch die bayerische Landesregierung haben dies bislang stets abgelehnt.

Bei der Netzplanung sollten dezentrale Energieversorgungskonzepte wo immer möglich berücksichtigt werden. Dafür habe ich mich, damals als saarländische Umweltministerin, im Verfahren zur Erstellung des Netzentwicklungsplans gemeinsam mit meinen grünen AmtskollegInnen nachdrücklich eingesetzt. Doch als Totschlagargument gegen den Netzausbau dürfen dezentrale Lösungen auch nicht herhalten: Wenn bis 2022 durch die Abschaltung der Atomkraftwerke in Bayern insgesamt 5.375 MW Leistung vom Netz gehen, lässt sich dies nur durch einen gleichzeitigen Ausbau sowohl der dezentralen Erneuerbaren Energien als auch des Stromnetzes auf allen Spanungsebenen auffangen. Nur so können die Schwankungen von Erzeugung und Verbrauch großräumig ausgeglichen werden.

 

Für den Kohleausstieg sind die Netze der falsche Hebel

Vor allem die Südost-Trasse in Bayern steht im Verdacht, Braunkohlestrom aus Ostdeutschland nach Bayern zu leiten. Kritiker wollen deshalb ganz auf die Leitung verzichten. Aktuell werden im Markt Braunkohlekraftwerke bevorteilt, vor allem durch die extrem niedrigen Preise für CO2-Emissionen im Rahmen des europäischen Emissionshandels. Unter diesen energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen ist daher davon auszugehen, dass sich in den kommenden Jahren noch erhebliche Braunkohlekapazitäten am Netz befinden werden. Tatsächlich lag die klimaschädliche Braunkohleverstromung 2013 so hoch wie seit der deutschen Einheit nicht mehr.

Diese dramatische Fehlentwicklung kann aber nicht dadurch behoben werden, auf neue Leitungen zu verzichten. Vielmehr müssen wir die dreckige Braunkohle über politische Maßnahmen Schritt für Schritt aus dem Markt drängen: über CO2-Grenzwerte für Kraftwerke, über einen CO2-Mindestpreis, über eine nationales Klimaschutzgesetz und eine grundlegende Reform des europäischen Emissionshandels. Zu alldem sind weder Union noch SPD bereit. Der Netzausbau ist aber der falsche Hebel, um sie zum überfälligen Einstieg in den Kohleausstieg zwingen zu wollen.

Denn ohne neue Stromtrassen würde man das Gegenteil erreichen. Nicht die Braunkohle, sondern der Zubau Erneuerbarer Energien würde ins Stocken geraten. Wird z. B. die Südost-Trasse durch Bayern nicht gebaut, kann der in Ostdeutschland erzeugte Wind- und Sonnen-Strom zukünftig nicht mehr vollständig abgeleitet werden. Bereits heute sind in Ostdeutschland ca. 13.500 MW Wind-Onshore-Leistung und ca. 9.000 MW Photovoltaik installiert. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien wird in den kommenden Jahren weiter voranschreiten und zwar sowohl im Binnenland als auch vor den Küsten. Es ist im Interesse der Energiewende, dieses wachsende Angebot an Strom aus Erneuerbaren Energien nach Süddeutschland leiten zu können.

Wir müssen jetzt anfangen, die Netzinfrastruktur fit zu machen für eine 100%ige Stromversorgung aus Erneuerbaren Energien. Dazu braucht es auch neue Stromtrassen.

Teile diesen Inhalt: