„So schaffen wir das!“ Der Antrag des Bundesvorstandes für die #bdk15.

Der grüne Plan für eine menschliche Flüchtlingspolitik und eine moderne Einwanderungsgesellschaft.

Bundesvorstand (Beschlossen: 05.10.2015)

Die Herausforderung

Die Bundesrepublik steht vor einer der größten Kraftanstrengungen seit der deutschen
Wiedervereinigung vor 25 Jahren. So viele Menschen wie nie zuvor werden dieses Jahr bei uns
Schutz suchen. Es ist heute schon absehbar, dass auch in den kommenden Jahren Einwanderung
die Bevölkerungsentwicklung unseres Landes bedeutsam prägen wird. Das stellt unsere
Gesellschaft und unsere Infrastruktur vor große Herausforderungen. Wir sehen die notwendigen
Anstrengungen – wir sehen aber auch die großen Chancen für unser Land und die Menschen.

Doch wäre es fahrlässig, bloß auf die Chancen zu hoffen oder sie herbeizureden, ohne
tatsächlich anzupacken. Trotz der guten wirtschaftlichen Ausgangsbasis ist unser Land auf
die Aufnahme und Integration der großen Zahl an Flüchtlingen nicht hinreichend vorbereitet.
In den letzten zwanzig Jahren wurden Strukturen der Flüchtlingshilfe und Integration stark
abgebaut. Unterkünfte, Betten und Betreuungsangebote sind knapp. Behörden und Freiwillige
arbeiten bis zum Anschlag. Länder und Kommunen arbeiten rund um die Uhr, um die Menschen
aufzunehmen sowie unterzubringen und richten täglich weitere Liegenschaften zur
Unterbringung ein. Wie sehr das für die Asylverfahren zuständige Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge überlastet ist, zeigt sich daran, dass fast 300.000 Altfälle noch nicht
entschieden sind und die Behörde auch mit der Aufnahme neuer Anträge bei Weitem nicht
nachkommt.

Wenn wir diese Herausforderung schaffen wollen, müssen wir jetzt alle gemeinsam anpacken.
Eine verantwortungsvolle und ehrliche Politik muss die Weichen stellen und praktisch
handeln. Es sind alle gefragt und gefordert: Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und
selbstverständlich die Neuankommenden. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch die Feststellung,
dass es aktuell keine perfekten Lösungen gibt und niemand den gordischen Knoten schnell
durchschlagen bekommt.

Wir sind froh und dankbar über alle, die in der Krise anpacken statt bloß zu lamentieren.
Das vielleicht hervorstechendste Moment der letzten Wochen und Monate ist die schier
unendliche Hilfsbereitschaft und der Wille zu einem solidarischen Engagement für Flüchtlinge
– und zwar quer durch alle Gesellschaftsschichten, in Stadt und Land. Wer dagegen in dieser
Situation zündelt und Stimmung gegen Flüchtlinge schürt, handelt unverantwortlich. Hier
wissen wir die vielen Bürger*innen in diesem Land auf unserer Seite, die sich dem rechten
Mob entgegenstellen, der die Not von Schutzsuchenden für Hass und rechtsextreme Propaganda
missbraucht.

Das Grundrecht auf Asyl ist ein Gebot der Menschlichkeit und der historischen Verantwortung.
Es hat für uns uneingeschränkt Geltung – unabhängig von der Herkunft des Flüchtlings. Die
Bilder verzweifelter Flüchtlinge auf der Balkanroute oder bei der lebensgefährlichen
Überfahrt über das Mittelmeer zeigen, dass Europa heute mehr denn je gefordert ist,
Verantwortung für Flüchtlinge zu übernehmen. Die Schutzsuchenden in Deutschland aufzunehmen
und schnell gut unterzubringen war und bleibt ebenso richtig wie die Forderung nach
Solidarität unter den EU-Staaten. Wenn Kommunen und Bundesländer bei all ihrer
Hilfsbereitschaft an ihre Grenzen stoßen, müssen wir auf die gesamtstaatliche Verantwortung
in Deutschland und auf die Solidarität in der Europäischen Union pochen. Hier darf es kein
Europa der unterschiedlichen Verantwortungen und humanitären Standards geben.

Die Chancen

Deutschland hat viel Erfahrung bei der Aufnahme von Neuankommenden. Seien es diezwölf
Millionen Heimatvertriebenen nach dem 2. Weltkrieg, die so genannten „Gastarbeiter*innen“,
von denen 3 Millionen blieben, die Wanderungsbewegungen nach der Wiedervereinigung, die
Aussiedler*innen und viele Flüchtlinge, die beispielsweise in den 90er Jahren vor den
Balkankriegen Schutz bei uns suchten. Nicht alles lief rund, es wurden auch Fehler gemacht.
Aber die Menschen haben unser Land bereichert und gestaltet. Dabei haben sie unsere
Gesellschaft verändert, unser Denken und auch sich selbst.

Wir erleben, dass unsere Gesellschaft, auch im Umgang mit Flüchtlingen, heute deutlich
weltoffener ist als vor 25 Jahren. Die Bürger*innen unseres Landes haben die Herausforderung
angenommen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und dies auch in Zukunft sein wird.
Viele haben Berührungsängste im Umgang miteinander abgebaut. Wir haben – angestoßen durch
die rot-grüne Bundesregierung – begonnen, eine systematische Integrationspolitik zu
entwickeln. An unserem Ziel von damals hat sich nichts geändert: Wir wollen, dass
Ausländer*innen und Flüchtlinge zu Bürger*innen werden. Dazu ist es auch wichtig, die
Kenntnis der deutschen Sprache verbessern, damit niemand ausgegrenzt ist und alle mitmachen
können in unserer Bürger*innengesellschaft.

Wir wissen, dass eine gelungene Integration aus Einwanderung eine Erfolgsgeschichte macht.
Auch in der gegenwärtigen Situation sehen wir trotz aller Schwierigkeiten vor allem die
Chancen: sei es im Hinblick auf den Fachkräftemangel, auf den demografischen Wandel, die
Zukunft unserer Sozialsysteme oder die Kreativität in Zivilgesellschaft, Kultur und
Wirtschaft. Diese Chancen wollen wir erkennen und gezielt fördern. Zum Vorteil der
Flüchtlinge – und für unsere Gesellschaft insgesamt.

Wir sehen aber auch die Herausforderung für unsere Länder und Kommunen, die vielen haupt-
und ehrenamtlichen Helfer*innen, von Polizei und Feuerwehr bis zum THW oder das DRK. Hier
bewähren sich in diesen Tagen eine aktive Bürger*innengesellschaft und eine funktionierende
staatliche Infrastruktur.

Dieses ehrenamtliche Engagement von so vielen Menschen,nicht zuletzt von Flüchtlingen
selber, würdigen wir – dafür wollen wir allen Akteuren Dank sagen. Das allein aber reicht
nicht. Wir dürfen den guten Willen der Menschen nicht überstrapazieren. Sie leisten bereits
jetzt das Äußerste. Wir müssen und wollen das Ehrenamt stärken – gleichzeitig aber dafür
sorgen, dass staatliche Versorgungslücken letztlich wieder durch die eigentlich zuständigen
Behörden geschlossen werden. Die Bundesregierung, insbesondere Innenminister de Maizière,
hat viel zu lange gezögert und gezaudert. In das Chaos im Bund muss schnellstens Ordnung
gebracht werden.

Der Auftrag

Deutschland muss sich jetzt auf seine Kräfte besinnen. Wir haben die Kraft, den Optimismus
und alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen dazu. Die letzten Monate
waren geprägt von Empathie, Aufnahmebereitschaft und einem gerüttelt Maß an Improvisation.
Das alles werden wir auch in Zukunft benötigen. Doch müssen wir jetzt einen Schritt
weitergehen und umschalten – von der kurzfristigen Nothilfe hin zum Aufbau einer
Infrastruktur, damit die Aufnahme und Integration hunderttausender Menschen, viele davon
künftige deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, möglichst schnell, gut und nachhaltig
gelingen kann.

Maßgabe für uns wird sein:

  • Alles zu tun, um die Rechte von Flüchtlingen zu wahren, ihnen Sicherheit und
    Orientierung zu geben und sie bestmöglich in unsere Gesellschaft zu integrieren.
  • Eine Überforderung staatlicher Institutionen durch eine um- und weitsichtige Politik
    zu vermeiden.
  • Die haupt- und ehrenamtlichen Helfer*innen zu unterstützen. Die positive,
    gesellschaftliche Grundstimmung wollen wir bewahren, Verunsicherung vorbeugen und
    Fragen klären, auf Sorgen hören und antworten, aber auch jeglicher Form von
    populistischen Ressentiments, Rechtsextremismus und Gewalt, egal woher sie kommt,
    entschieden entgegentreten.

Wir müssen und wollen jetzt die notwendigen Schritte nach vorne gehen – und das heißt:
schnell und umfassend handeln.

Zeitgleich zur der Aufnahme werden wir uns für eine möglichst schnelle und möglichst
nachhaltige Integration von Flüchtlingen in unsere Gesellschaft einsetzen – und zwar auf
allen Ebenen. Asylsuchenden, für die sich das Asylrecht als Sackgasse erweist, die aber als
Fachkräfte identifiziert wurden, wollen wir einen Spurwechsel aus dem humanitären
Aufenthaltszweck in einen Aufenthalt zum Zweck der Erwerbstätigkeit ermöglichen. Dabei ist
klar, dass nicht alle, die in Deutschland Asyl beantragen, auch bleiben können.

Die Perspektive

Einwanderung hat Deutschland verändert und die gegenwärtige Flüchtlingsbewegung wird
Deutschland verändern. Wichtig ist, dass die Neuankommenden von Beginn an richtig adressiert
werden, nämlich als mögliche deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger von morgen.

Damit dies zu einem Erfolg wird, sind alle gefordert:

  • Staat und Gesellschaft in dreierlei Hinsicht: Zum einen den Erfahrungsschatz von
    Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte systematisch zu erkennen, zu erschließen
    und zu fördern. Zweitens allen hier Lebenden, auch den Neuankommenden, eine soziale
    Durchlässigkeit unserer Gesellschaft zu gewährleisten und damit auch das soziale
    Aufstiegsversprechen einzuhalten. Und schließlich gilt es die Fehler der alten
    „Gastarbeiter*innen“-Politik zu vermeiden.
  • Aber klar ist auch: Flüchtlinge wollen dieses Land zu ihrer neuen Heimat machen – und
    sie werden sich verändern. Und alle Erfahrung zeigt: Dort, wo Angebote vorhanden sind
    – z. B. einen Integrationskurs zu besuchen – werden diese im Regelfall auch intensiv
    genutzt. Spracherwerb steht hier für uns an erster Stelle.

Unser Land baut auf demokratischen und republikanischen Werten auf. Wer nach Deutschland
kommt, kommt ins Land des Grundgesetztes. Es ist die Grundlage für die Aufnahme der
schutzsuchenden Menschen. Die darin formulierten Grundsätze gelten für alle, die hier leben
und leben möchten. Es lebt von Menschenwürde, Freiheit und Toleranz. Es lebt von der
Gleichberechtigung von Mann und Frau, der Gleichstellung von Homosexuellen – aber z.B. auch
von der Freiheit, eine Religion auszuüben, sie individuell oder zeitgemäß auszulegen oder
eben auch keiner Religion anzugehören. Angriffen auf unsere freiheitlich demokratische
Grundordnung stellen wir uns entgegen, egal aus welcher Richtung sie kommen. Freiheit und
Toleranz auszuhalten ist mitunter schwierig. Doch Freiheit ist eine Riesenchance.

DER GRÜNE PLAN

I. Flüchtlinge gut aufnehmen

Ein Willkommens-Pakt für Investitionen

Wir brauchen ein zwischen Bund, Ländern und Kommunen abgestimmtes Programm zum Aufbau einer
Anerkennungskultur und Willkommens-Infrastruktur – einen bundesweiten Investitionspakt,
damit die Integration hunderttausender künftiger deutscher Staatsbürgerinnen und
Staatsbürger möglich schnell, möglichst gut und möglichst nachhaltig gelingt.

Die operativen Schwerpunkte wollen wir auf die Finanzierung von Bauinvestitionen sowie von
Qualifizierung und Rekrutierung geeigneten Personals legen. Inhaltlich wollen wir die
Bereiche Bildung/Spracherwerb, Arbeitswelt, Gesundheit und Wohnen fokussieren.

a. Zehntausende neuer Flüchtlingskinder müssen in Schulen und im Bereich der beruflichen
Bildung möglichst schnell, möglichst gut unterrichtet und qualifiziert werden. Dafür
benötigen wir zuallererst geeignete Schulräume und fachlich qualifiziertes Personal.

b. Wir werden deutlich mehr Lehrkräfte im Bereich der Sprachförderung benötigen.

c. Gleiches gilt für möglichst interkulturell kompetente Berater*innen und Vermittler*innen
in den Arbeitsagenturen und Jobcentern.

d. Ebenso benötigen wir deutlich mehr Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen, die im Umgang
mit Traumatisierten oder anderweitig besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen qualifiziert
sind. Denn eine gute medizinische und psychotherapeutische Versorgung erhöht letztlich auch
die Möglichkeiten zur Integration. Hier wollen wir uns für deutliche Verbesserungen
einsetzen.

e. Und schließlich benötigen wir deutlich mehr preiswerten Wohnraum für alle Menschen mit
kleinem Einkommen – unabhängig ihrer Herkunft, das heißt auch, aber eben nicht nur, für
Flüchtlinge.

Alle diese Maßnahmen – sowohl die Planung und Ausführung von Bauinvestitionen als auch die
Qualifizierung von derart vielen neuen Angestellten – brauchen Monate, wenn nicht gar Jahre.
Deswegen gilt es, keine Zeit mehr zu verlieren.

Zur Finanzierung dieser Aufgaben schlagen wir einen Deutschlandfonds für Integration vor, in
den Staat und auch Unternehmen einzahlen und der Kommunen und Initiativen offensteht. Damit
wollen wir auch das Angebot von Wirtschaftsverbänden und Unternehmen annehmen, mit
anzupacken.

Asylverfahren beschleunigen

Wir wollen die Asylverfahren beschleunigen, ohne die Rechte von Schutzsuchenden auszuhöhlen.
Dazu muss endlich der Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz mit der Bundeskanzlerin vom
Juni 2015 umgesetzt werden, 2.000 Mitarbeiter*innen beim BAMF einzustellen. Davon ist in den
Bundesländern bisher noch nicht viel angekommen. Weitere 4.000 Mitarbeiter*innen beim
Bundesamt für Migration, abgeordnet aus anderen Bundesbehörden, sollten für diese wichtige
Aufgabe abgestellt werden. Außerdem wollen wir den riesigen Berg von unbearbeiteten
Asylanträgen durch unbürokratische Lösungen zugunsten der Flüchtlinge reduzieren. Die von
den Ministerpräsident*innen mit der Bundeskanzlerin vereinbarte Aussetzung der
Widerrufsverfahren ist ein erster Schritt. Wir halten die ersatzlose Streichung für richtig
und notwendig. Außerdem wollen wir eine wirksame Altfallregelung für Bestandsfälle.
Flüchtlinge aus Regionen mit hoher Anerkennungsquote, etwa aus Syrien, dem Irak und Eritrea
sollen nach Registrierung, ohne eine aufwendige Einzelfallprüfung, automatisch anerkannt
werden und ihre Familien nachholen dürfen. Bei Hinweisen der Sicherheitsbehörden auf
gesuchte IS-Kämpfer*innen muss eine Sicherheitsüberprüfung möglich sein.

Eine bessere Gesundheitsversorgung

Endlich wird auf grüne Initiative hin die bundesgesetzliche Grundlage geschaffen, damit die
Länder die Gesundheitskarte für Flüchtlinge einführen können. Flüchtlinge müssen künftig
nicht mehr zuerst zum Amt gehen, bevor sie einen Arzt aufsuchen können. Zudem wird der
Impfschutz für Flüchtlinge verbessert und anerkannte Asylbewerber erhalten einen besseren
Zugang zu psychotherapeutischer Betreuung.

Das sind Schritte in die richtige Richtung, die nur aufgrund des grünen Drucks in den
Verhandlungen zum Asylgesetzespaket erreicht wurden. Die Maßnahmen gehen aber nicht weit
genug. Bei der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge ist die Gesundheitskarte ein
zentraler Schlüssel. Der nach den Regelungen im Asylgesetzespaket zu erwartende bundesweite
Flickenteppich ist absurd. Die bundesweite Einführung der Gesundheitskarte darf jedoch nicht
hinter den Leistungen zurückfallen, die grün-mitregierte Bundesländer wie Nordrhein-
Westfalen, Hamburg und Bremen bereits eingeführt haben. Die Beschränkung auf eine
Notfallversorgung lehnen wir ab. Eine angemessene medizinische Versorgung der Asylsuchenden
und echte strukturelle wie finanzielle Entlastung für Länder und Kommunen wird nur durch
eine Abschaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes gewährleistet werden.

Wohnraum schaffen

Neben der vordringlichen kurzfristigen Unterbringung von Flüchtlingen in winterfesten
Unterkünften muss umgehend damit begonnen werden, denn notwendigen dauerhaften Wohnraum zu
schaffen. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund geht von einem Bedarf von 400.00 Wohnungen
aus. Zu diesem Zweck fordern wir die Bundesregierung auf, die Mittel für bezahlbaren
Mietwohnraum in den Städten und Gemeinden auf mindestens zwei Milliarden Euro zu erhöhen.
Außerdem befürworten wir ein Moratorium für geplante Abrisse von Wohnungen. Die dadurch
eingesparten Gelder sollen für Instandsetzungen eingesetzt werden können.

Um jetzt schnell winterfeste Kapazitäten zu schaffen, sind bei Gemeinschafts- und
Sammelunterkünften erleichterte Standards im Baurecht oder bei der Energieeinsparung
gerechtfertigt. Eine dauerhafte Absenkung von Standards bei Neubauten lehnen wir hingegen
ab.

Je länger Flüchtlinge in der Erstunterkunft bleiben, desto später startet ihre Integration.
Daher muss es Ziel bleiben, die Verteilung in dezentrale Unterbringung innerhalb von drei
Monaten zu organisieren. Asylsuchende sollen so schnell wie möglich in Wohnungen
untergebracht werden. Eine private Wohnsitznahme muss erleichtert und gefördert werden, ohne
anderen Gruppen dadurch den Zugang zu Wohnraum zu erschweren.

Wir wollen keine Ghettos, denn wir wissen: Sozial gemischte Quartiere sind die Voraussetzung
dafür, dass Integration von allen gemeinsam er- und gelebt werden kann, für Flüchtlinge und
für diejenigen Menschen, die schon länger oder auch schon immer hier leben. Ein gutes und
sinnvolles Beispiel wurde in Hessen eingeführt: Die Nassauischen Heimstätten haben eine
Koordinierungsstelle „Integrierte Flüchtlingsansiedlung“ geschaffen. Diese hat, zusammen mit
der Architekten- und Stadtplanerkammer, ein Konzept für neue Wege für einen kostengünstigen
und ökologischen Bau und für eine integrierte Ansiedlung von Flüchtlingsunterkünften
vorgelegt.

Fertighäuser aus leichten und hochwertigen Materialien wie Holz lassen sich schnell und
preiswert bauen. Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben das Bauen mit Holz in der
Bauordnung erleichtert und den Kommunen eine Planungshilfe ausgegeben. Auch der Verzicht auf
private Parkplätze spart Platz, Geld und Lärm. Einige Länder und Kommunen haben dazu schon
ihre Stellplatzordnungen geändert.

Besonderer Schutz für Frauen

Rund ein Drittel der Flüchtlinge, denen die Flucht nach Europa gelingt, sind Frauen und
Mädchen. Viele haben sexualisierte Gewalt erlebt und tragen schwere Traumata mit sich. Auch
in den völlig überfüllten Erstaufnahmestellen laufen sie Gefahr, Opfer von Missbrauch und
Gewalt zu werden. Frauen und Mädchen brauchen eigene geschützte Räume mit qualifizierter
Betreuung – zumindest aber Standards wie abschließbare sanitäre Einrichtungen – und Zugang
zu qualifizierter Beratung und Schutz vor Gewalt. Das baden-württembergische
Sonderkontingent zur Aufnahme und therapeutischen Betreuung von Frauen und Mädchen aus dem
Nordirak, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, dem sich inzwischen auch
Niedersachsen und Hessen angeschlossen haben, verdient besondere Anerkennung.

Helfer*innen unterstützen

So wie wir ehrenamtliches und bürgerschaftliches Engagement seit vielen Jahren besser und
nachhaltiger fördern wollen, so wollen wir zivilgesellschaftliche Organisationen (Vereine
und Verbände aller Art, politische Stiftungen, politische Bildung) aber auch die
Neuankommenden ermutigen und dabei unterstützen aufeinander zuzugehen. Auch in den
Flüchtlingseinrichtungen wollen wir Flüchtlingen mehr Möglichkeiten geben, sich zu
beteiligen, einzubringen und Einfluss zu nehmen.

Asylrecht verteidigen

Für uns gilt: Flucht ist kein Verbrechen, Asyl ist ein Menschenrecht. Forderungen aus der
Union und der SPD, das Asylrecht durch Obergrenzen auf nationaler oder europäischer Ebene
auszuhebeln, lehnen wir ab. Asylsuchende haben Anspruch auf eine gewissenhafte Prüfung ihrer
Asylgründe. Erst in der Einzelfallprüfung bewährt sich das Asylrecht als individuelles
Grundrecht. Deshalb erteilen wir Forderungen nach einer Abfertigung von Asylanträgen in
Eilverfahren an den Landesgrenzen ebenso eine Absage wie eine Haft zur Durchführung des
Asylverfahrens.

Die Festlegung vermeintlich „sicherer Herkunftsstaaten“ halten wir nicht für den richtigen
Weg. Die auch auf Druck der grün mitregierten Länder hin durchgesetzte zweijährliche
Überprüfung der Liste wollen wir nutzen, weiter etwa auf die strafrechtliche Verfolgung von
Homosexuellen im Senegal, die angespannte Sicherheitslage im Kosovo oder die massive
Diskriminierung von Roma in den Westbalkanstaaten hinzuweisen und solche Staaten von der
Liste zu streichen. Unser Ziel bleibt, das Konstrukt der vermeintlich „sicheren
Herkunftsstaaten“ abzuschaffen.

II. Integration und Einwanderung gestalten

Kompetenzen bündeln in einem Ministerium für Integration

Für die Bewältigung dieser Aufgaben reicht es nicht mehr, nur eine Beauftragte der
Bundesregierung zu benennen. Wir brauchen ein Integrationsministerium als
Querschnittsressort auf Bundesebene, das insbesondere die Bereiche Einwanderung,
Flüchtlingspolitik, Integration und Staatsangehörigkeitsrecht übernimmt. Es wird in Zukunft
ein zentrales Ressort im Kabinett jeder Bundesregierung sein. Es muss in diesen Bereichen
federführend sein, alle Aufgaben koordinieren und sich um die notwendige Entwicklung eines
„neuen Wir“ kümmern.

Deutschland braucht ein Einwanderungsgesetz

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Deshalb braucht es ein modernes Einwanderungsrecht.
Wir wollen Einwanderung fair, transparent und zugunsten aller regeln: der Menschen, die sich
bei uns eine neue Zukunft aufbauen wollen, derjenigen, die schon hier leben, und auch
zugunsten der Bedürfnisse des Arbeitsmarkts.

Ein Einwanderungsgesetz ist sinnvoll und nötig, weil wir die neben der Aufnahme
Schutzbedürftiger erfolgende Einwanderung steuern wollen und müssen. Der nun auf Druck der
grün mitregierten Länder vereinbarte Westbalkan-Korridor ist ein erster Schritt auf dem Weg
zu einem Einwanderungsgesetz:

Zum einen werden legale, unkomplizierte und transparente Wege für Arbeitsmigrantinnen und –
migranten nach Deutschland benötigt. In Zeiten der Globalisierung kommt unser Land gar nicht
umhin, die rechtlichen Vorschriften zur Arbeitsmigration endlich den Bedürfnissen
internationaler Mobilität anzupassen. Migrant*innen soll auch nach längeren Aufenthalten im
Ausland eine Wiederkehr nach Deutschland ohne Verlust erworbener Rechtspositionen ermöglicht
werden. Das Visumsverfahren wollen wir spürbar vereinfachen.

Zweitens sollen mit einem Einwanderungsgesetz auch neue rechtliche Instrumente implementiert
werden, die notwendig sind, damit eine gesteuerte Arbeitsmigration ihren Beitrag leisten
kann, den Alterungsprozess in unserer Gesellschaft zumindest abzumildern und damit die
sozialen Sicherungssysteme auch langfristig abzusichern. Unerlässlich ist darüber hinaus,
dass mithilfe eines neuen Einwanderungsrechts grund- und menschenrechtliche Schutzpositionen
von Einwanderer*innen – insbesondere der Schutz von Privat- und Familienleben – besser zur
Geltung gebracht werden als bisher.

Und schließlich macht die gegenwärtige Situation mehr als deutlich, dass die
Integrationspolitik in Deutschland endlich einen kohärenten legislativen Rahmen braucht. Wer
die Teilhabe von Einwanderer*innen umfassend fördern will, sollte die entsprechenden
Vorschriften so zusammenfassen, damit diese sinnvoll und übersichtlich ineinandergreifen
können – vom Integrationskurs, über die Zugänge zu Arbeit und Bildung bis hin zu den
politischen Teilhaberechten und dem Staatsangehörigkeitsrecht.

Ein Starter-Kit für Migrant*innen

Wir wollen Flüchtlinge schnellstmöglich dabei unterstützen, sich in Deutschland
zurechtzufinden. Hilfreich sind hier etwa Ratgeber, wie sie z.B. von der Bundesregierung
oder einigen Bundesländern herausgegeben werden. Besondere Würdigung verdienen aber auch
hier zivilgesellschaftliche Ansätze für Willkommensplattformen im Internet. Diese wollen wir
flächendeckend verfügbar machen. Starter-Kits müssen einerseits vermitteln, wie unser
Schulsystem oder unser Gesundheitssystem funktioniert oder worauf es bei der Altersvorsorge
ankommt. Zugleich muss es aber auch gesellschaftliche Grundlagen, angefangen vom Grundgesetz
bis hin zum Umgang mit unserer Geschichte beinhalten. Dazu gehört auch der Umgang mit dem
Holocaust. Auch darüber müssen wir, wie mit der Gesamtgesellschaft, mit Neuankommenden ins
Gespräch kommen.

Gleichzeitig gilt es auch für die hiesige Gesellschaft, mehr über die Herkunftskulturen und
die historischen Erfahrungen von Flüchtlingen zu erfahren. Integration ist immer eine
Zweibahnstraße. Wir begrüßen daher insbesondere mediale Angebote und Dialogformate, wie sie
derzeit sowohl für Flüchtlinge als auch für die aufnehmende Gesellschaft entstehen.

Sprache und Bildung fördern

Die Bundesländer stehen vor großen Herausforderungen im schulischen und beruflichen
Bildungsbereich. Der Bund muss sie unterstützen. Hier darf das Kooperationsverbot nicht im
Wege stehen. Sprachförderung ist das A und O der Integration. Sie muss so schnell wie
möglich beginnen. Sinnvoll sind auch Eltern-Kind-Programme für Flüchtlingskinder und ihre
Familien, wie sie einige grün mitregierte Bundesländer schon kennen.

Über die Hälfte derjenigen, die in Deutschland Schutz suchen ist unter 25 Jahre alt. Gerade
für sie ist eine gute Bildung und Ausbildung Anker und Zukunftshoffnung zugleich: Kita,
Schule, Betrieb oder Hochschule schaffen nicht nur einen neuen Alltag, sondern sichern
berufliche Perspektiven und sind der erste Schritt in ein selbstbestimmtes Leben. Deswegen
brauchen junge Flüchtlinge möglichst schnell uneingeschränkten Zugang zum deutschen
Bildungssystem, so wie dies die UN-Kinderrechtskonvention vorsieht. Das ist in Deutschland
bislang nicht der Fall: Nur in Berlin und im Saarland besteht nämlich die Schulpflicht für
alle Flüchtlingskinder uneingeschränkt. Alle Schulformen müssen hier dazu lernen – und
bereit sein, dazu zu lernen: sei es im Umgang mit Willkommensklassen, in der Sprachbildung
und Alphabetisierung junger Flüchtlinge und in der Kooperation zwischen Lehrkräften,
Sprachförderlehrer*innen, Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und
Integrationshelfer*innen. Wir wollen die Schulen darin aktiv unterstützen, wenn sie hier
Neuland betreten.

Aber auch die Hochschulen wollen und müssen sich stärker öffnen: Zehntausende der jungen
Geflüchteten sind für die Aufnahme eines Studiums qualifiziert oder haben bereits erste
Studienerfahrungen oder -abschlüsse. Wir wollen deutsche Hochschulen zu Orten der
Integration machen. So sollen etwa Abschlusszeugnisse aus den Herkunftsländern nicht nur
unbürokratischer anerkannt werden. Es sollen auch mehr Deutschkurse ebenso wie
englischsprachige Seminare angeboten werden. Zudem erscheint es uns sinnvoll, Flüchtlinge
unkomplizierter als Gasthörer zuzulassen, damit so jetzt schon Prüfungen ablegen können, die
bei einem späteren Studium anerkannt werden. Wir wollen aber auch an Hochschulen das
zivilgesellschaftliche Engagement fördern: Nicht nur dann, wenn Studierende Rechtsberatung
oder Deutschkurse geben oder sich als Mentor*innen anbieten. Wir wollen auch
zivilgesellschaftliche Projekte unterstützen, wie z. B. Online-Fernunis, die versuchen,
Flüchtlinge an das deutsche Hochschulwesen heranzuführen.

Arbeitsmarkt öffnen, Flüchtlinge qualifizieren

Wir wollen aber auch die berufliche Ausbildung junger Flüchtlinge verbessern. Allzu oft
versperren ihnen aufenthaltsrechtliche Hürden hier den Weg. Wir würdigen, dass viele
Unternehmen und Handwerksbetriebe mit großem Engagement und vielen Ideen versuchen, jungen
Geflüchteten eine berufliche Zukunft in Deutschland zu eröffnen. Wir halten es für sinnvoll,
bereits an deutschen Schulen und Berufsschulen flächendeckend Berufsvorbereitungsangebote
speziell für junge Flüchtlinge zu etablieren. Auch wollen wir jungen Flüchtlingen während
und nach einer Berufsausbildung oder eines Studiums eine sichere Bleibeperspektive
ermöglichen. Zudem halten wir es für sinnvoll, berufsbezogene Deutschkurse vermehrt
anzubieten – auch an Berufsschulen.

Wir werden uns dafür einsetzen, wie auch aus der Wirtschaft gefordert, rechtliche
Vorschriften zu beseitigen, die die Integration von Flüchtlingen, z. B. in den Arbeitsmarkt
behindern. Dazu zählt insbesondere die Vorrangprüfung beim Arbeitsmarktzugang. Gleichzeitig
wollen wir Integrationsmöglichkeiten fördern, indem wir die Anerkennung ausländischer
Bildungs- und Berufsabschlüsse erleichtern und beschleunigen. Den Zugang von Flüchtlingen
zur Ausbildungsförderung (BaföG, Berufsausbildungsbeihilfe etc.) wollen wir erleichtern.

Eine Offensive für Einbürgerung

Wir wollen, dass Kinder ausländischer Eltern ohne weiteres die deutsche Staatsangehörigkeit
mit Geburt erwerben, wenn sich mindestens ein Elternteil rechtmäßig in Deutschland aufhält.
Darüber hinaus sollen Einbürgerungen erleichtert und Mehrstaatigkeit generell zugelassen
werden. So werden aus den Flüchtlingen von heute Bürger*innen von morgen. Das kommunale
Wahlrecht wollen wir auch Angehörigen von Staaten einräumen, die nicht der EU angehören,
damit sie über die Angelegenheiten vor Ort mitentscheiden können.

Migrant*innen in in die Chefetagen!

Die deutsche Bevölkerung ist von Einwanderung geprägt. Das muss auch im öffentlichen Leben
erkennbar werden. Wir wollen, dass Migrant*innen im gesellschaftlichen Leben präsenter
werden. Mehr Migrant*innen in Lehrerkollegien, in der Polizei, oder auf Ämtern können mit
interkultureller Kompetenz als Integrationshelfer dienen – und als sichtbare Signale für das
Versprechen von Integration und sozialen Aufstiegschancen. Unternehmen, Rundfunkräte oder
Parlamente, in denen fast nur Herkunftsdeutsche sichtbar sind, passen nicht zu einer
modernen Einwanderungsgesellschaft. Geschichte und Alltag Deutschlands als Einwanderungsland
sollten eine größere Rolle an den Schulen spielen.

Den Islam einbürgern

Deutschland hat eine lebendige Demokratie und eine starke Zivilgesellschaft. Gemeinschaften,
Verbände und Vereine tragen dazu vieles bei – auch Religionsgemeinschaften. Gerade die
muslimischen Gemeinschaften können in den nächsten Jahren einen wichtigen Beitrag leisten,
um aus Flüchtlingen Bürger*innen zu machen. Dafür müssen sie sich allerdings zunehmend als
Vertretungen von Muslim*innen in Deutschland und nicht als Vertreter*innen anderer Länder
oder Regierungen sehen. Imame müssen künftig genauso an deutschen Hochschulen ausgebildet
werden, wie muslimische Religionslehrer*innen, um die Herausbildung eines europäischen
Islams herauszuarbeiten. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN stehen ein für Religionsfreiheit, für
Pluralität und Gleichbehandlung. Wir begrüßen es daher, wenn sich eine oder auch mehrere
muslimische Religionsgemeinschaften auf theologisch und organisatorisch breiter Basis
bilden, um die Vielfalt muslimischen Denkens und Lebens in Deutschland möglichst umfassend
abzubilden.

Für uns ist klar: Der Islam gehört zu Deutschland, religiöser Extremismus, wie Islamismus
und Salafismus, tut es eindeutig nicht. Gegen diesen muss der Staat mit den muslimischen
Gemeinschaften eng zusammenarbeiten, und auch im Bereich der Flüchtlingshilfe haupt- und
ehrenamtliche Mitarbeiter*innen zum Schutz religiöser Minderheiten sensibilisieren. Wir
dürfen nicht zulassen, dass Menschen, die vor Unterdrückung und Verfolgung geflohen sind,
auch in Deutschland nicht sicher sind.

Gegen Rechtspopulismus und Fremdenfeindlichkeit

Es ist auch ein grüner Erfolg, dass heute als breiter Konsens gilt: Deutschland ist ein
Einwanderungsland. Aus dieser Einsicht muss jetzt kohärente Politik werden. Die Union darf
sich dieser Erkenntnis nicht länger verweigern. Teile der CDU und der CSU stärken mit ihrem
Populismus lediglich andere Parteien am rechten Rand, wie AfD und NPD.

Nach wie vor ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland bis in die Mitte der
Gesellschaft verbreitet. In der letzten Zeit haben aber vor allem die Angriffe und
Übergriffe auf Asylunterkünfte, geflüchtete Menschen und ihre Unterstützer*innen zugenommen.
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN verurteilen jede Form von Rassismus und gruppenbezogener
Menschenfeindlichkeit und menschenverachtende Anschläge auf Flüchtlinge und Unterkünfte.
Zusammen mit vielen Bürgerinnen und Bürgern stellen wir uns den Nazis in den Weg. Der Staat
muss konsequent seiner Aufgabe nachkommen, Asylunterkünfte zu schützen. Er muss
Rechtsextremismus, alltäglichen und institutionell verankerten Rassismus mit allen
rechtsstaatlichen Mitteln bekämpfen. Sicherheitsbehörden müssen gerade nach ihrem
unfassbaren Versagen bei der Aufdeckung der NSU-Morde den Blick nach rechts schärfen und
dazu das breite Wissen zivilgesellschaftlicher Initiativen besser würdigen und in ihre
Analysen einbeziehen. Das Engagement von Menschen, die sich gegen Nazis wehren, ist
Engagement für die Demokratie und verdient staatliche Unterstützung und Anerkennung statt
Verdächtigung und Repression.

III. Für ein Europa der Menschlichkeit und Verantwortung

Mehr Europäische Solidarität

Europa kann nur gemeinsam sinnvoll handeln in der Flüchtlingskrise. Wir brauchen mehr Europa
in der Flüchtlingspolitik. Ein Verteilungsschlüssel für Notfallsituationen, wie von der
Europäischen Kommission vorgeschlagen, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Wir
fordern alle Mitgliedstaaten auf, diesen Vorschlag zu unterstützen und umzusetzen. Aber eine
Regelung für den Notfall alleine reicht nicht. Wir brauchen ein neues Verteilungssystem, das
solidarischer ist und sich neben der Größe und Wirtschaftskraft der Aufnahmestaaten auch an
den Interessen der Flüchtlinge orientiert. Denn Flüchtlinge sind Menschen und nicht Pakete,
die beliebig quer durch Europa verschickt werden können. Ihre sozialen Beziehungen,
Sprachkenntnisse und Prioritäten sollten nach Möglichkeit berücksichtigt werden.

Ein solches Verteilungssystem muss das gescheiterte Dublin-System ersetzen, nach dem ein
Asylantrag nur in dem Land gestellt werden kann, in dem ein Flüchtling zum ersten Mal EU-
Gebiet betritt. Es führt zu enormem administrativen Aufwand und zu unglaublichen Tragödien
für die Flüchtlinge selbst. Dass dieses System nicht mehr tragbar ist, hat die
Bundesregierung durch die zeitweise Einstellung der Rückführungen nach Griechenland selbst
gezeigt. Weder die Flüchtlingen noch die Staaten an den Außengrenzen dürfen alleine gelassen
werden.

Für sichere Wege nach Europa

Wir wollen nicht, dass Flüchtlinge ihr Leben riskieren müssen, um bei uns Schutz zu finden.
Deshalb fordern wir legale und sichere Zugangswege für Flüchtlinge, z.B. humanitäre Visa zum
Zweck der Asylantragstellung, Visafreiheit für Syrer*innen und ein massiv ausgebautes
Resettlement-Programm, also die Aufnahme von notleidenden Menschen aus überfüllten
Flüchtlingslagern in den Krisenregionen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk sucht für Syrer*innen
230.000 Plätze – die EU-Mitgliedstaaten dürfen sich hier nicht verweigern. Außerdem treten
wir für ein menschenrechtsorientiertes europäisches Seenotrettungsprogramm ein, um dem
tausendfachen Sterben von Flüchtlingen im Mittelmeer ein Ende zu machen. Die
Grenzschutzagentur Frontex ist dafür der falsche Akteur. Die EU-Mission EUNAVFOR, die mit
militärischen Mitteln Jagd auf Schlepper macht, lehnen wir ab.

Gegen neue Mauern und Stacheldrahtzäune

Unzählige Flüchtlinge sterben an den EU-Außengrenzen. Das ist das Ergebnis einer völlig
falschen Politik. Asylrecht und Menschenrechte müssen auch an den Außengrenzen gewährleistet
werden. Ebenso falsch ist es, die Sicherung der Außengrenzen auszulagern und andere
Regierungen zu beauftragen, Menschen gewaltsam vom Weg nach Europa abzuhalten. Eine
Aufrüstung an den Grenzen mit Drohnen und Herzschlagdetektoren hilft niemandem. Plänen,
Flüchtlinge in Krisenregionen zurückzuschicken, wie es Innenminister de Maizière
vorgeschlagen hat, erteilen wir eine klare Absage.

Die Europäische Kommission muss darauf achten, dass Standards bei Unterbringung und
Asylverfahren beachtet werden. Sie darf nicht zusehen, wenn einzelne Regierungen
Menschenrechte missachten und Flüchtlinge an den Grenzen zurückdrängen, sie inhaftieren oder
mit Tränengas angreifen. Jede Regierung, die gegen die EU-Grundrechtscharta verstößt, muss
das klare Signal bekommen, dass dieses Verhalten nicht akzeptiert wird. Deshalb fordern wir
ein Artikel-7-Verfahren gegen Ungarn, welches bei schwerwiegender Verletzung der
europäischen Grundwerte zu einem Verlust des Stimmrechts eines Mitgliedsstaates führen kann.

Wir sollten nicht vergessen, dass viele Europäerinnen und Europäer einmal Flüchtlinge waren.
Das Recht auf Asyl ist eine europäische Errungenschaft, auf die wir stolz sein können. Wir
GRÜNE werden dieses Recht verteidigen.

Fluchtursachen bekämpfen

Wir brauchen eine Politik, die Fluchtursachen in ihrer ganzen Komplexität angeht. Krieg und
Gewalt, wie in Syrien, politische Verfolgung und Ausgrenzung, Armut bzw. ökonomische
Perspektivlosigkeit, aber auch die zunehmend spürbaren Folgen des Klimawandels. Deshalb
treten wir GRÜNE hier für eine Kurskorrektur ein: für eine Politik der Konfliktprävention
und -bewältigung, des Klimaschutzes, der Armutsbekämpfung und der Menschenrechte.

Dabei ist das Thema Fluchtursachenbekämpfung nichts für effekthascherische Schnellschüsse.
Sie braucht einen langen Atem.

Auch die Nachbarländer von Krisenregionen brauchen unsere verstärkte Unterstützung. Als
primäre Aufnahmeländer für Flüchtlinge haben diese noch viel größere Herausforderungen zu
schultern als wir in Europa. Eine deutliche Aufstockung der Hilfen für das World Food
Programme ist angesichts der dramatischen Unterversorgung in den Flüchtlingslagern rund um
Syrien unerlässlich.

Wir wollen in unserem Bemühen, die Ursachen von Fluchtbewegungen einzudämmen, von Beginn an
mit Migrant*innenorganisationen und den Herkunftsländern zusammenarbeiten. Denn eine
gerechte und nachhaltige Einwanderungspolitik darf nicht einseitig die Interessen eines
Aufnahmelandes im Blick haben. Vielmehr müssen sowohl die Interessen der Einwanderer*nnen,
als auch das legitime Recht der Herkunftsländer auf Wahrung ihrer Entwicklungschancen
gewahrt bleiben.

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