Meine Reise nach Idomeni

Idomeni: Tausende Menschen, darunter viele Kinder, gestrandet in Schlamm und Nässe, an einem von Soldaten bewachten Stacheldrahtzaun mitten in Europa. Es waren diese Bilder in Zeitungen und Fernsehen, die mich dazu bewegten,  kurzentschlossen am 10. März an die griechisch-mazedonische Grenze zu reisen. Ich wollte mir selbst  vor Ort ein Bild von der Situation der geflüchteten Menschen machen. Eine große Unterstützung war mir dabei die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der griechischen Grünen von Oikologoi Prasinoi. Der ehemalige Europaabgeordnete Michalis Tremopoulos begleitete mich während meiner gesamten Tour von Thessaloniki nach Idomeni und zurück und am kommenden Tag auch noch in ein Flüchtlingslager nahe der Stadt Thessaloniki.

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Schon bevor man das Flüchtlingslager sah, begegneten uns Geflüchtete zu Fuß auf dem Weg dahin, mit wenig Gepäck und Kindern an der Hand. Dort angekommen prägte  der giftig-beißende Geruch verbrannten Plastiks den ersten Eindruck. Unzählige behelfsmäßige Feuerstellen spendeten den Menschen etwas Wärme, gespeist mal von Ästen, mal von Plastiktüten.

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Vor unserer Ankunft hatte es zwei Tage lang geregnet. Entsprechend matschig war der Boden, große Pfützen säumten die Wege, viele der winzigen Zelte, in die sich ganze Familien drängten, waren durchnässt. Eine offensichtlich untragbare Situation für die rund 15.000 Menschen, darunter 40 Prozent Kinder, die auf der Flucht schon furchtbare Strapazen durchgemacht hatten.

 

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Im Camp waren die Menschen weitgehend sich selbst und der Wohltätigkeit freiwilliger HelferInnen überlassen. Nichtregierungsorganisationen kümmerten sich um die Versorgung, das Rote Kreuz und ‚Ärzte ohne Grenzen‘ um die medizinische Verpflegung. Thanasis zum Beispiel kommt schon seit Monaten jeden Tag ins Lager, um in einem behelfsmäßigen Container für die Flüchtlinge zu kochen. Bis zu 8.000 warme Mahlzeiten schafft es sein Verein Oikopolis so jeden Tag bereitzustellen. Ein Mitarbeiter von ‚Ärzte ohne Grenzen‘ erzählt uns von den schlimmen hygienischen Zuständen, von den Kindern, die vor Kälte und Nässe nahezu alle husten und Müttern, die ihre Säuglinge im Schlamm gebären.

 

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Quer durch das Lager verläuft die Bahnstrecke nach Norden. Auf den Gleisen stehen Zelte. Kommt ein Zug, räumen die Bewohner sie schnell zu Seite. Danach geht es zurück. Ich wundere mich, dass niemand versucht, auf die im Schritttempo fahrenden Züge aufzuspringen. Offenbar schrecken die strengen Blicke der uniformierten griechischen Grenzer ab. Trotzdem sind alle Hoffnungen der Flüchtlinge nach Norden gerichtet. Darauf, dass sich Europa doch noch erbarmt. Darauf, dass sich die geschlossene Grenze doch noch einmal öffnet.

 

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Ein Familienvater aus Aleppo, mit dem ich spreche, trotzt schon seit über zwei Wochen mit Frau und Kindern den unerträglichen Zuständen in Idomeni. Sein vielleicht zehnjähriger Sohn dolmetscht vom Arabischen in gebrochenes Englisch. Umzuziehen in ein anderes Lager weiter südlich der Grenze ist für die Familie keine Option. Sie wollen weiter nach Deutschland, das ist ihr Ziel. Nach allem, was sie durchgemacht haben, gibt es für sie kein Zurück.

 

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An der Fernstraße nach Thessaloniki gibt es eine Tankstelle. Rund um das Hauptgebäude haben sich Zelte mit dem Aufdruck des UN-Flüchtlingshilfswerks gruppiert – ein eilig improvisiertes Flüchtlingslager. Ein Mann im blauen Overall, den wir ansprechen, ist nicht der Tankwart, sondern ein Helfer von ‚Ärzte ohne Grenzen‘. Er heißt Jannis, kommt aus Wien, und berichtet, dass sich knapp 2.000 Flüchtlinge an der Tankstelle aufhalten, darunter, wie in Idomeni, sehr viele Kinder. Frauen und Kinder seien besonderen Gefahren ausgesetzt. Manche würden auf der Flucht von ihren Familien getrennt, andere verschwänden. Gewalt ist an der Tagesordnung. Um den Schutz der Schwächsten auf der Flucht sei es nicht gut bestellt.

 

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Am nächsten Morgen führt uns die Reise nach Diavata in der Nähe von Thessaloniki. Hier hat die griechische Regierung innerhalb weniger Wochen ein verlassenes Militärgelände zu einem Flüchtlingscamp für 2.200 Menschen umgewidmet. Vereinzelten Protesten von Anwohnern stand auch hier, wie unsere griechischen Freunde berichten, eine große Solidarität der Bevölkerung mit den Flüchtlingen gegenüber. Thessaloniki selbst ist eine Flüchtlingsstadt. Viele Bewohner stammen aus Familien, die Anfang des 20. Jahrhunderts vor antigriechischen Pogromen aus Kleinasien hierher, in den Norden Griechenlands geflohen waren.

 

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In Diavata sind die Verhältnisse etwas besser als Idomeni. Es gibt große, stabile, wetterfeste Zelte. Trotzdem ist auch hier die Versorgungslage weitgehend den Hilfsorganisationen überlassen.  Eine Praxis von ‚Ärzte der Welt‘ und Rotem Kreuz sichert die oberflächliche medizinische Versorgung. Mehr können sie hier nicht leisten. Die gravierenden psychischen Probleme, die sich nach den Reisestrapazen und dem Nichtstun im Lager einstellen, können aus Kapazitätsgründen nicht behandelt werden.

 

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Auch hier verteilt Oikopolis Hilfsgüter. Eine der Helferinnen namens Christina spricht perfekt deutsch. Ein Auslandsjahr hat sie in Wuppertal gelebt. Jetzt berichtet sie von Problemen, die wir auch aus deutschen Flüchtlingseinrichtungen kennen: Mangelende Koordinierung der Freiwilligen, zu wenig staatliche Unterstützung. Die Flüchtlinge bedrücke ihre ungewisse Zukunft, ebenso wie die Beschäftigungslosigkeit im Lager. Für die Kinder gibt es kaum Ablenkung, die Erwachsenen wissen nicht, wie und ob es für sie weitergeht. Die Kinder winken uns zum Abschied hinter dem Zaun nach.

 

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Auf der Rückreise bin ich noch entschlossener als zuvor: Wir dürfen die Flüchtlinge in Idomeni nicht im Stich lassen. Und wir dürfen Griechenland nicht allein lassen mit dieser Aufgabe. Wir müssen sichere und legale Wege nach Europa schaffen und eine faire Verteilung unter den Mitgliedsstaaten. Idomeni ist eine Schande für Europa. Sie wird nur mit Humanität und Solidarität zu überwinden sein – Solidarität unter den Europäern und Solidarität mit den Flüchtlingen. Solange die nicht gegeben ist, sollte Deutschland im Alleingang die Flüchtlinge aus Idomeni aufnehmen. Die Kapazitäten sind vorhanden, die humanitäre Verpflichtung sowieso.

 

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