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Hier unser Beitrag „Her mit dem guten Essen!“

Beim Workshop „gutes Essen, gutes Leben“ ging es um die Frage, wie die Agrar- und Ernährungswende, weg von Massentierhaltung und Ausbeutung der Böden hin zur verstärkt regionalen Produktion gesunder Nahrungsmittel bewerkstelligt werden kann. Hierbei ging es um die Rolle der VerbraucherInnen und des Staates und um die Frage, wie eine bunte, wachsende Bewegung für eine andere Agrarpolitik die Dimension der früheren Anti-AKW-Bewegung erlangen kann.

Krankmachende Keime in Putenwurst, nitratbelastetes Wasser rund um Megaställe oder Hormonfleisch und Gentomaten, die zu Symbolen des Streits um das transatlantische Handelsabkommen TTIP geworden sind – mit aktuellen Beispielen illustrierte Simone Peter zur Einführung in den Workshop „gutes Essen, gutes Leben“ die ungebrochene Brisanz des Themas, das die Grünen mit Nachdruck auf die politische Agenda gesetzt haben.

Doch mit den Missständen von Agrarindustrie und Massentierhaltung wachse auch der Wunsch nach Veränderung, nach ökologischer Landwirtschaft und gesunden Lebensmitteln. Zum Beleg berichtete die Grünen-Vorsitzende von der großen, bunten „Wir haben es satt“-Demonstration im Januar in Berlin, von den bundesweiten „Marches against Monsanto“, von Schnippel-Diskos als Events des gemeinsamen Kochens und Mülltauchern, die unverdorbene Lebensmittel aus Abfallbehältern der Lebensmittelproduktion fischen und damit die Wegwerfgesellschaft anprangern.

Aufgabe der Grünen sei es jetzt, diese gesellschaftlichen Kräfte zu bündeln, neue Allianzen zu schmieden und besonders in den grün-mitregierten Bundesländern praktische Alternativen für VerbraucherInnen und Landwirtschaft aufzuzeigen.

Den taz-Journalisten Mathias Greffrath erinnert die breitgefächerte soziale Bewegung rund um „Geschmack und Gülle, Ackern und Armut, Bauern und Banken“ in ihrer Vielfältigkeit und Urwüchsigkeit an die Anfänge der Anti-Atom-Bewegung. Sie bringe gesundheitsbewusste VerbraucherInnen, Imker und Bio-Landwirte zusammen, GewerkschafterInnen, die gegen Ausbeutung in der Fleischindustrie kämpfen, und Eine-Welt-Gruppen, die sich gegen europäische Dumping-Exporte wenden, die afrikanische Kleinbauern die Existenz kosten.

Mit Agrarlobby und Lebensmittel-Multis, Chemiekonzernen und Saatgut-Monopolisten stünden dieser neuen Bewegung allerdings mächtige ökonomische Interessen gegenüber. Das mache ihre Aufgabe schwerer als die der Anti-Atom-Bewegung. Andererseits habe sie es leichter, „weil die Gegner diesmal noch hässlicher sind“. Neben den notwendigen ordnungsrechtlichen Eingriffen komme es daher besonders auf Aufklärung und Bewusstseinsbildung an, von der Verbraucherinformation bis zur Schulverpflegung.

Gerade auf diesem Feld sieht Eva Bell, Geschäftsführerin der Verbraucherzentrale Berlin, noch Defizite. Zwar sei es den Grünen gelungen, Ernährung als wichtiges Feld der Verbraucherpolitik zu etablieren. Doch Initiativen zur Ernährungsbildung sei bisher wenig Erfolg beschieden gewesen. Politik wie Verbraucher reagierten oft nur kurzatmig auf akute Lebensmittel-Skandale. Das mache es schwer, strukturelle Änderungen zu erreichen.

Wie notwendig ein Umsteuern aber ist, machte Christian Meyer deutlich, der grüne Landwirtschaftsminister von Niedersachsen. Bei allen drängenden ökologischen Herausforderungen – vom Klimaschutz über den Erhalt der biologischen Vielfalt bis hin zu sauberen Gewässern und Böden – spielten Landwirtschaft und Tierhaltung eine Schlüsselrolle.

Deshalb nutze er die Spielräume der Landespolitik, um unter dem Motto „große Betriebe große Auflagen, kleine Betriebe kleine Auflagen“ Schritte hin zu einer nachhaltigeren Agrarwirtschaft und artgerechteren Tierhaltung durchzusetzen. Grundlegende Verbesserungen bedürften aber letztlich einer Änderung der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU. Deren Milliarden-Beihilfen gaukelten den Verbraucherinnen und Verbrauchern den Eindruck „billiger“ Lebensmittel vor, nähmen aber keine Rücksicht auf die ökologischen und sozialen Folgekosten einer falschen Landwirtschaftspolitik.

In diesem Punkt gab es in der anschließenden Diskussion über die wichtigsten grünen Projekte in der Ernährungspolitik Konsens: Die Umwidmung der EU-Agrarsubventionen für gesellschaftlich wertvolle Leistungen wie Naturschutz, Landschaftspflege und Tierschutz wurde von allen TeilnehmerInnen des Workshops als zentrale Herausforderung benannt , ebenso wie der Stopp der tierquälerischen Massentierhaltung und der Ausschluss von Gentechnik auf Acker und Teller. Viel Zuspruch fand auch die Forderung nach einer guten und bezahlbaren gemeinsamen Mahlzeit pro Tag in Schulen und Kitas.

Lebhaft diskutiert wurde schließlich die Rolle des Staates und des Verbrauchers. Geht der notwendige Wandel in erster Linie vom Staat aus oder verändern bewusste persönliche Konsumentscheidungen und neue Lebensstile die Strukturen? Hier wurde der wachsende Anspruch der VerbraucherInnen nach gesunden, regionalen Produkten thematisiert. Sie wollen über Herkunft und Inhalte ihrer Lebensmittel informiert sein und fragen verstärkt Bio-Lebensmittel nach. Dem gegenüber steht die latente Überforderung vieler VerbraucherInnen im „Label- Dschungel“ und Zutatenwirrwarr und die schleichende Privatisierung staatlicher Aufgaben des Verbraucherschutzes und der Lebensmittelkontrolle, die es strukturell verhindern, dass es „mündige Verbraucher“ überhaupt geben kann.

Insgesamt zeigte der Workshop, dass die Ansätze für eine Ernährungswende so vielgestaltig sind, wie die Probleme, die sie adressieren: Staatliche Regulierungen etwa gegen Massentierhaltung, eine grundlegende Neuausrichtung der Agrarförderung und verstärkte Ernährungsbildung und -beratung gehören genauso dazu wie mehr Informationsrechte für Verbraucherinnen und Verbraucher und eine bessere Lebensmittel-Kennzeichnung.

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